Die Essenz des Yoga
- 23. März
- 5 Min. Lesezeit
Mehr als Asana - der ganzheitliche Yogaweg
Wenn wir heute von Yoga sprechen, denken viele zuerst an Asana - an fließende Bewegungen auf der Matte, Dehnung, Kraft, vielleicht noch an das Zusammenspiel aus Atem und Bewegung. Und ja das gehört dazu.
Asana hilft uns unser Nervensystem zu regulieren, beweglich zu bleiben, unsere Haltung zu verbessern, Rückenschmerzen vorzubeugen und und und. Die Vorteile sind zahlreich und genau deswegen lieben es so viele Menschen regelmäßig den Weg auf die Matte zu finden.
Wenn wir jedoch den Blick auf Yoga richten, dann ist Asana nur ein kleiner Teil von etwas viel Größerem. Yoga ist nicht die Form deines Körpers. Yoga ist die Form deines Bewusstseins. Yoga ist ein Zustand - von Klarheit und Verbundenheit.

Yoga zeigt sich darin, wie du mit anderen umgehst.Wie du mit dir selbst sprichst.Wie du denkst, fühlst, reagierst.
Asana ist dabei kein Ziel, sondern ein Werkzeug. Ein möglicher Schritt auf Weg zu dem Zustand den wir Yoga nennen. Ein Mittel, um nach innen zu finden. Um den Körper vorzubereiten, ihn aufzurichten und darin Raum zu schaffen, damit Energie fließen kann. Mehr nicht. Und dennoch auch nicht weniger.
Denn natürlich tut es gut, den Körper zu bewegen. Es schafft Ausgleich zum Sitzen, zum Stress, zum Alltag.
Aber die Bewegung allein ist noch kein Yoga. Auch die Bewegung in Verbindung mit bewusster Atmung ist nicht Yoga. All das sind Tools, die uns Yoga näher bringen.
Yoga im Raja Yoga Weg
Im klassischen Yoga - dem Raja Yoga, wie er im Yoga Sutra beschrieben wird - ist Asana nur ein Teil des achtgliedrigen Yogawegs nach Patanjali.
Die bekannten acht Glieder (Ashtanga) zeigen das deutlich:
Yama - dein Umgang mit der Welt
Niyama- dein Umgang mit dir selbst
Asana - die Haltung
Pranayama - die Atemlenkung
Pratyahara - das Zurückziehen der Sinne
Dharana - Konzentration
Dhyana - Meditation
Samadhi - Einheit/ Versenkung
Asana steht hier nicht im Mittelpunkt. Es ist Vorbereitung. Ein stabiler, ruhiger Körper unterstützt einen ruhigen Geist und den freien Fluss von Prana, unserer Lebensenergie. Und genau darum geht es. Nicht um die perfekte Haltung, sondern um die Fähigkeit still zu werden.
Pranayama, Meditation und die innere Praxis
In vielen traditionellen indischen Strömungen wird Yoga sogar viel stärker mit Pranayama und Meditation gleichgesetzt als mit Asana. Und auch Patanjali meint mit Asana vor allem den Meditationssitz.
Der Atem wird zur Brücke, um die Aufmerksamkeit vom Körper Schritt für Schritt nach innen zu lenken.
Pratyahara bedeutet, nicht mehr ständig im Außen gefangen zu sein.
In Dharana bist du bereits in der Lage den Fokus auf einer Sache, z.B. Atem oder einem Mantra zu halten, ohne Ablenkung. In Dhyana wirst du still in der Meditation, der Geist ist ruhig, braucht keinen Konzentration mehr, geht keinen Gedanken nach. Ein stiller Raum in dem du bist. Und irgendwann...vielleicht...Samadhi: Der Zustand von Einheit, Verbundenheit, von „Ich bin nicht getrennt. Alles ist eins“.
Die Essenz des Yoga aus Sicht von
Samkhya und Vedanta
Auch die philosophischen Wurzeln des Yoga helfen uns, das einzuordnen.
Im Samkhya wird die Welt in zwei Prinzipien beschrieben:
Purusha – reines Bewusstsein
Prakriti – Materie, Körper, Gedanken, Emotionen
Yoga dient hier dazu,diese beiden zu unterscheiden und zu erkennen "Ich bin nicht mein Körper. Ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin das, was all das wahrnimmt."
Asana ist dann ein Werkzeug innerhalb von Prakriti, nicht die Wahrheit selbst.
Im Vedanta geht es noch einen Schritt weiter. Hier heißt es, dass es letztlich keine Trennung gibt.
Alles ist eins. Atman (dein Selbst) ist Brahman (das Absolute).
Yoga wird hier zu einem Weg der Erkenntnis: Du bist bereits das, was du suchst.
Die Praxis hilft dir, diese Wahrheit wieder zu erkennen.
was bedeutet das auf der Matte?

Vielleicht verändert sich dadurch etwas ganz Grundlegendes:
Du kommst nicht mehr auf die Matte, um etwas zu erreichen oder besser zu werden. Nicht, um tiefer zu kommen. Nicht, um schön und ästhetisch Yoga zu üben. Du übst Yoga um dich zu erinnern - an dich und deine innerste Wurzel.
An das, was immer schon da war. Jede Asana wird dann zu einer Frage:
Kann ich hier präsent sein?
Kann ich wahrnehmen, ohne zu bewerten?
Kann ich mich spüren, ohne mich zu verlieren?
Wie fühle ich mich in der Asana? Wie nach der Haltung?
Welche Erkenntnis, Emotionen, Empfindungen nehme ich wahr?
Welche Qualität bringe ich in die Praxis – Druck oder Hingabe?
Die Haltung ist nicht das Ziel. Die Bewusstheit in der Haltung ist es. Und das was danach kommt.
Yoga passiert nicht, wenn du perfekt stehst sondern wenn du ganz in deiner Präsenz auf der Matte ankommst. Auf der Matte, in der Haltung und schließlich in dir.
Du kannst die fortgeschrittenste Asana noch so perfekt einnehmen und dennoch ohne jegliche Yogaerfahrung bleiben. Ebenso kann dich die einfachste Haltung oder gar "nur" der Meditationssitz in den Zustand vollkommener Angebundenheit bringen.
Nicht die Haltung selbst ist das Ziel. Es ist die Erfahrung dahinter. Die Bewusstheit in der Haltung und die Tiefe, mit der du dich darauf einlässt.
Die Bedeutung im Alltag
Yoga endet nicht, wenn du die Matte verlässt. Jetzt erst beginnt Yoga - in unserem täglichen Leben, unseren Beziehungen, den alltäglichen Gedanken.
In den Momenten, in denen dich etwas triggert. In denen du ungeduldig wirst. In denen du zweifelst oder dich selbst verurteilst. Genau dort zeigt sich deine Praxis. Jetzt zeigen sich die Früchte deines regelmäßigen Übens:
wie du sprichst - mit dir und anderen
wie du reagierst
wie du liebst
wie du dich selbst behandelst
wie du mit Herausforderungen umgehst
wie bewusst du durch deinen Alltag gehst
ob du im Außen suchst oder nach innen lauschst
ob du im Widerstand bist oder im Vertrauen
Es ist die Entscheidung, immer wieder zurückzukehren in deine Präsenz. Zurück zur Achtsamkeit und in die Verbindung mit dir. Und auch hier: Yoga bedeutet nicht, immer ruhig oder perfekt zu sein. Es bedeutet, dich immer wieder zu erinnern.
Fazit
Asana soll nicht abgewertet werden und auch dein Üben auf der Matte in deinem Lieblingsstudio nicht. Ziel des Artikels ist es jedoch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Essenz des Yoga nicht nur aus Asana besteht und Asana nicht gleich Yoga in seiner Ganzheit ist.
Asana kann ein wundervoller Einstieg sein. Doch der Weg geht weiter. Vielleicht beginnt er genau dort, wo die äußere Praxis aufhört und die innere beginnt.
Mag sein, dass Asana für dich vollkommen ausreichend ist und alles darüber hinaus dich möglicherweise (noch) gar nicht anspricht. Auch das ist okay. Yoga ist kein Zwang. Yoga ist eine Einladung.
Vor allem ist es eine Lebenseinstellung mit Jahrtausend alten Wurzeln. Wenn wir uns die Yoga Tradition, wenn auch "nur" in Form von Asana zunutze machen, ist es unsere Aufgabe, Yoga in seiner Ganzheit mit Respekt und Bewusstheit zu begegnen und anzuerkennen, was Yoga in seiner Essenz ist.
Also finde mit klarer Ausrichtungen den Weg auf deine Matte:
Welche Aspekte des Yoga möchte ich praktizieren und warum?
Was ist die Intention meiner Yogapraxis?
Bin ich mir bewusst, dass das was ich auf der Matte praktiziere nur ein kleiner Teil von Yoga ist?
Und bin ich bereit, tiefer zu schauen – wenn sich dieser Weg für mich öffnet?




