Yoga Sutra 1.20: Shraddha – Wenn Vertrauen die Antwort ruft
- 7. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Was YS 1.20 und die Vedanta Philosophie sagen.
Es gibt Momente im Leben, in denen wir tief spüren: Wir suchen nicht nach schnellen Lösungen, nicht nach äußeren Sicherheiten. Wir suchen nach etwas Echtem. Etwas, das unter der Oberfläche liegt.
„If you’re truly in search for deep answers, the answers will be given to you. Whatever has been the need of the Soul, the universe has always provided.“ Swamini Pramananda Saraswati
Diese Antworten kommen selten in Form klarer Worte. Manchmal zeigen sie sich leise – in einem Atemzug, in einer Veränderung, in einem Gefühl, das wir nicht benennen können.
Und genau hier führt uns der Yogaweg zurück zu einem der kraftvollsten Sutren:
Śraddhā vīrya smṛti samādhi prajñā pūrvaka itareṣām „Samadhi wird erreicht durch Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit.“ (YS 1.20)
Shraddha – Das Prinzip des Vertrauens

„Śraddhā“ oder Shraddha bedeutet nicht naives, blindes Glauben, sondern ein tiefes inneres Vertrauen in den Weg. Es ist das stille Wissen, dass Antworten kommen - nicht immer sofort, aber genau dann, wenn sie gebraucht werden.
Dieses Sutra erinnert uns daran, dass der Weg zu tiefer Erkenntnis nicht durch Druck oder Kontrolle entsteht, sondern durch eine innere Haltung:
Śraddhā – Vertrauen
Vīrya – Energie, Hingabe
Smṛti – Achtsamkeit
Samādhi – Sammlung, Ausrichtung
Prajñā – Erkenntnis, Weisheit
Es ist ein Weg des Loslassens und Empfangens.
„When you touch your soul, you touch the infinite. Just like you touch a wave and feel the entire ocean.“ Swamini Pramananda Saraswati
Diese Worte beschreiben genau das, was dieses Sutra meint: Wenn wir uns nach innen wenden, berühren wir nicht nur uns selbst — sondern das unendliche Feld, das uns trägt.
Auf der Yogamatte – Vertrauen verkörpern
Yoga ist mehr als Bewegung. Es ist ein Raum, in dem wir Śraddhā üben können: Vertrauen in den Atem, in den Körper, in die innere Weisheit, die uns führt.
In Rückbeugen oder Herzöffnern wird dieser Weg besonders spürbar: Wir lehnen uns nicht einfach zurück – wir öffnen uns dem, was größer ist als wir. Das erfordert Mut, aber auch Hingabe. Denn ein offenes Herz ist nicht schwach – es ist bereit.
Stabilität lehrt uns, dass Vertrauen ein Fundament braucht.
Weite zeigt, dass Öffnung nicht Kontrolle ist, sondern Hingabe.
Hingabe lässt uns spüren: Die Antworten waren nie weit weg.
Wenn wir auf der Matte lernen, zu vertrauen, können wir aufhören, ständig nach Ergebnissen zu greifen. Stattdessen lauschen wir.
Im Alltag – Vertrauen leben

Der eigentliche Yoga beginnt dort, wo die Matte endet. Śraddhā zeigt sich in Momenten, in denen wir nicht wissen, wie es weitergeht und trotzdem Schritt für Schritt weitergehen.
Vertrauen heißt nicht, alles zu verstehen. Vertrauen heißt, innerlich Ja zu sagen, auch wenn der Verstand noch Fragen stellt.
Im Gespräch, das Mut braucht.
In Veränderungen, die wir nicht kontrollieren können.
In Phasen, in denen das Leben keine klaren Antworten gibt.
Genauso wie du in der Yogapraxis den Atem nicht „machst“, sondern ihm Raum gibst, entsteht auch im Alltag Klarheit nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen.
Fazit: Die Welle – und das Meer
Wenn du deine Seele berührst, berührst du das Unendliche. So wie du eine Welle berührst und das gesamte Meer spürst.
Shraddha bedeutet, dich diesem Meer anzuvertrauen, auch wenn du nicht die ganze Weite sehen kannst. Es bedeutet, deinem Weg zu vertrauen, selbst wenn du ihn noch nicht ganz verstehst.
Auf der Yogamatte übst du diese Haltung in jedem Atemzug, jeder Öffnung, jeder Rückbeuge. Im Alltag trägst du sie weiter in dein Handeln, in deine Begegnungen, in dein Vertrauen ins Leben.
Die Antworten sind bereits da. Und wenn du still wirst, wirst du sie hören.




