Karma Yoga – Die Kunst, richtig zu handeln
- Lisa Tichy

- 13. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Ein Dharma Talk zu Bhagavad Gītā, Kapitel 2, Vers 39 ff.
In der Bhagavad Gītā steht Arjuna mitten im Chaos seines Lebens. Er weiß, was zu tun wäre – aber alles in ihm sträubt sich dagegen. Angst, Zweifel, Schuld, Hoffnung auf ein bestimmtes Ergebnis. Genau hier setzt Krishna an mit einem sehr klaren Perspektivwechsel auf Handlung selbst.
Karma – wenn Handlung an
Ergebnis gebunden ist
Im alltäglichen Verständnis bedeutet Karma oft einfach „Handlung“ oder auch das Gesetz von Ursache und Wirkung. In der Gītā ist Karma klar beschrieben: Karma ist Handlung, die an ein Ergebnis gebunden ist.
Karma entsteht dort, wo ich handle, um etwas zu bekommen: Anerkennung. Erfolg. Sicherheit. Liebe. Bestätigung. Geld. Kontrolle.
Ich tue etwas – und mit meinen Gedanken bin ich schon beim Outcome: Werde ich gesehen? Werde ich erfolgreich sein? Wird es sich lohnen?
Das ist eine zutiefst materialistische Haltung, selbst wenn die Handlung „spirituell“ aussieht.Denn mein innerer Fokus liegt nicht auf Wahrheit oder Wachstum, sondern auf Ertrag.
So wird jede Handlung zu einem inneren Vertrag: „Ich gebe – damit ich bekomme.“
Und genau daraus entsteht Bindung, Angst, Druck, Enttäuschung.

Karma Yoga – Die Beziehung zum Handeln
Karma Yoga ist nicht das Gegenteil von Handeln – es ist das Gegenteil von Anhaftung. Es bedeutet, das zu tun, was jetzt zu tun ist, vollständig, ehrlich und präsent, ohne die eigene innere Freiheit an ein bestimmtes Ergebnis zu verkaufen. Nicht was ich tue ist der entscheidende Punkt, sondern mit welcher inneren Haltung ich es tue. Der Fokus verschiebt sich von „Was bringt mir das?“ hin zu „Wer bin ich, während ich das tue?“
Krishna fasst diese Haltung in der Bhagavad Gītā (2.47) radikal klar zusammen:
Du hast das Recht zu wählen und zu handeln – aber nicht das Recht, über das Ergebnis zu verfügen.
Das Leben gibt uns Entscheidungsfreiheit in unserem Tun, in unseren Gedanken, in unseren Handlungen und in den Entscheidungen, die wir treffen. Doch was daraus entsteht, liegt nicht allein in unserer Hand. Das Ergebnis ist immer das Zusammenspiel vieler Kräfte: anderer Menschen, äußerer Umstände, vergangener Ursachen und kollektiver Dynamiken.
Genau deshalb legt Karma Yoga den Fokus nicht auf das Resultat, sondern auf den Prozess.
Wie handle ich?
Aus welcher inneren Haltung treffe ich meine Entscheidungen?
Bin ich präsent, ehrlich, integer oder getrieben von Angst, Erwartung und Bedürftigkeit?
Wenn ich mein Glück an einen bestimmten Outcome binde, gebe ich meine innere Stabilität an etwas ab, das ich nicht kontrollieren kann. Karma Yoga bedeutet, mein Bestes zu geben – mit Sorgfalt, Klarheit und Hingabe – und das Ergebnis dann loszulassen. Nicht gleichgültig, sondern innerlich frei. Es ist eine Lebenshaltung, ein Weg, mitten in der Welt zu stehen, ohne sich von ihr innerlich gefangen nehmen zu lassen.
Karma Yoga ist „Skill in Action“
Krishna nennt Karma Yoga:
Yogah karmasu kaushalam – Yoga ist Geschick im Handeln. Bhagavad Gita 2.50
Dieses „Skill“ ist kein äußeres Können. Es ist eine innere Meisterschaft. Ich handle:
ohne Gier
ohne Angst
ohne inneres Festhalten
Ich tue, was stimmig ist, nicht, was mich bestätigt. Das ist eine radikale innere Transformation weg von „Ich brauche ein bestimmtes Ergebnis“ hin zu „Ich bin im inneren Alignment mit mir, während ich handle.“
Karma Yoga braucht Dharma & Viveka
Karma Yoga ist nicht willkürlich. Es braucht zwei Dinge:
1. Dharma – das, was jetzt von mir gefordert ist
Dharma ist nicht meine Komfortzone. Es ist meine Rolle, meine Verantwortung, meine Aufgabe hier im Leben, jetzt im Moment. Karma Yoga bedeutet nicht: „Ich mache, was ich will.“ sondern:„Ich tue, was dem Leben jetzt dient – auch wenn es unbequem ist.“ Arjuna will nicht kämpfen. Aber sein Dharma als Krieger ist es, für Wahrheit und Ordnung einzustehen.
2. Viveka
Viveka ist die die Fähigkeit zu unterscheiden, die innere Klarheit, zu erkennen:
Handle ich aus Angst oder aus Wahrheit?
Aus Bedürftigkeit oder aus Integrität?
Aus Ego oder aus Verbundenheit?
Karma Yoga ohne Viveka wird blind. Viveka ohne Karma Yoga bleibt theoretisch. Beides zusammen schafft echte innere Freiheit.
Karma Yoga auf der Matte
Auf der Yogamatte begegnet uns Karma Yoga in jedem Moment. Sobald wir in eine Haltung kommen und der innere Dialog beginnt:
Wie tief komme ich?
Wie sehe ich dabei aus?
Wie weit komme ich im Vergleich zu meiner Mattennachbarin?
Warum fühlt es sich heute nicht so leicht an wie sonst?
Unser Fokus liegt bei Karma, im Handeln mit Fokus auf ein gewünschtes Ergebnis. Verhaftet in diesen Gedanken üben wir nicht mehr, um zu üben, sondern um etwas zu erreichen.

Karma Yoga auf der Matte bedeutet, den Fokus vom Ergebnis zurück in den Prozess zu holen. Es heißt, um des Übens willen zu üben:
jeden Atemzug zu spüren
jede Bewegung bewusst wahrzunehmen
jeden Übergang achtsam zu erleben
Nicht "Wie tief bin ich?" , sondern: "Wie gehe ich in diese Haltung hinein?"
Kann ich mit Abhyasa und Vairagya, Disziplin und Leichtigkeit, den Weg in die Haltung finden? Mit etwas mehr Achtsamkeit? Mit einem noch bewussteren Atem?
Kann ich meinem Körper einen Atemzug Zeit geben, um weicher zu werden, statt ihn hineinzuzwingen?
Kann ich mich dafür feiern, dass ich meine Grenzen respektiere?
Kann ich mich anerkennen, wenn ich in dieser Haltung heute vielleicht ein kleines bisschen mehr Raum, mehr Weite oder mehr Leichtigkeit spüre – selbst wenn sie äußerlich gleich aussieht?
Hier geschieht das eigentliche Wachstum. Nicht in der Form der Haltung, sondern in der Qualität deiner Präsenz.
Mit mehr Vairāgya – Loslassen von innerem Druck.
Mit meehr Sukham – Leichtigkeit in jeder Bewegung.
Nicht die äußere Form ist das Ziel. Deine innere Haltung ist es.
Karma Yoga im Alltag
Im Leben ist es nicht anders als auf der Matte. Du arbeitest. Du triffst Entscheidungen. Du sprichst deine Wahrheit. Du liebst. Du ziehst Grenzen. Du gehst Risiken ein. Du bleibst oder du gehst.
Und in all diesen Momenten taucht, wenn wir achtsam bei uns sind, dieselbe innere Frage auf:
Handle ich aus meiner Wahrheit oder aus dem Wunsch, etwas zu bekommen oder jemand zu sein?
Karma Yoga bedeutet, dein Bestes zu geben, ohne deine innere Stabilität und deine emotionale Freiheit an ein bestimmtes Ergebnis zu binden. Es heißt, Dinge zu tun, die deinen Werten treu bleiben, auch wenn sie nach außen hin vielleicht nicht zu mehr Erfolg, mehr Geld oder mehr Sichtbarkeit führen. Es heißt, den stimmigen, integren Weg zu gehen, auch wenn er der schwerere ist. Auch wenn er nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Auch wenn du damit aneckst. Auch wenn du dafür über deinen eigenen Schatten springen musst.
Du sagst, was gesagt werden muss, auch wenn es unbequem ist. Du setzt eine Grenze, auch wenn du nicht weißt, wie sie aufgenommen wird. Du gehst für das los, was dir wirklich wichtig ist, auch wenn du nicht garantieren kannst, dass es sich „lohnt“.

Denn das Ergebnis liegt nie vollständig in deiner Hand: Ob du gemocht wirst. Ob du gesehen wirst. Ob deine Arbeit anerkannt wird. Ob dein Mut belohnt wird.
Wenn dein innerer Frieden davon abhängt, gibst du deine Freiheit aus der Hand.
Karma Yoga heißt: Ich handle aus Stimmigkeit, nicht aus Bedürftigkeit. Aus Integrität, nicht aus Angst. Aus Wahrheit, nicht aus Anpassung. Ich bringe mich ganz ein und lasse los, was daraus entsteht. Das ist keine Resignation. Das ist innere Souveränität. Das ist echte Freiheit mitten im Leben.
Wenn du so handelst – aus Stimmigkeit statt aus Bedürftigkeit, aus Integrität statt aus Angst – passiert etwas Entscheidendes. Dein innerer Frieden hängt nicht mehr davon ab, wie die Welt auf dich reagiert. Du gibst dein Bestes, aber du gibst dein Herz nicht mehr an das Ergebnis ab. Und genau hier beginnt eine noch tiefere Ebene von Karma Yoga. Denn wenn wir aufhören, uns innerlich an Outcomes festzuhalten, entsteht etwas, das die Yoga-Philosophie Gleichmut nennt. Eine stille, kraftvolle Offenheit gegenüber dem, was aus unseren Handlungen entsteht. Eine innere Bereitschaft, das Leben so zu empfangen, wie es uns antwortet.
Karma Yoga und PrasadA Buddhi
In der Yoga-Philosophie nennt man diese innere Haltung Prasāda Buddhi: die Fähigkeit, das, was aus meinen Handlungen entsteht, als Geschenk des Lebens zu empfangen – weder als persönlichen Triumph, noch als persönliches Scheitern. Gleichmut bedeutet dabei nicht, dass mir nichts mehr wichtig ist, sondern dass ich mich innerlich nicht mehr blenden lasse. Weder von Erfolg noch von Misserfolg. Weder von Lob noch von Kritik, weder von Gewinn noch von Verlust.
Aus Karma Yoga wächst so eine tiefe, klare Dankbarkeit. Keine naive Dankbarkeit, die alles schönredet, sondern eine wache, reife Haltung, die sagt: Das, was mir begegnet, ist Teil meines Weges und ich bin bereit, daran zu wachsen.
Prasāda Buddhi ist Dankbarkeit ohne Verblendung: Ich sehe die Dinge, wie sie sind, und nehme sie an, ohne mich innerlich darin zu verlieren.
Wenn du so handelst, verändert sich deine Beziehung zu Ergebnissen. Du beginnst, sie nicht mehr als „mein Erfolg“ oder „mein Versagen“ zu sehen, sondern als das, was sie sind - Antworten des Lebens auf dein Tun. So wird jede Handlung zu Yoga und jedes Ergebnis zu einem Lehrer.
Fazit – Karma Yoga als innere Freiheit
Karma Yoga ist keine Technik. Es ist eine Haltung dem Leben gegenüber.
Ich höre auf, mein Handeln als Mittel zu benutzen, um mich selbst zu bestätigen. Ich beginne, meine Handlungen als Ausdruck meiner inneren Ausrichtung zu leben. Wenn ich mein Dharma lebe, mit Klarheit (Viveka), Hingabe und innerem Gleichmut, dann wird jede Handlung zu Yoga.
Nicht weil sie perfekt ist, nicht weil sie mir gibt was ich mir wünsche –sondern weil ich frei bleibe, während ich etwas tue.
Und genau hier beginnt ein Leben, das nicht mehr vom Habenwollen (Raga) und Nicht-Habenwollen (Dvesha), Anhaftung oder Kontrollieren wollen regiert wird, sondern von Wahrheit, Präsenz und Vertrauen.




