Yoga Sutra 2.42: Santosha
- Lisa Tichy

- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Was Yoga Sutra, Buddhismus und die Yoga Philosophie über Die Kunst der Zufriedenheit lehren.
Zufriedenheit – das klingt so wohltuend, so einfach, und gleichzeitig vergessen wir im Trubel des Alltags so oft, wie kraftvoll dieses innere Ja zu dem ist, was gerade da ist. Santosha lädt uns ein, innezuhalten und zu erkennen: Das Leben muss nicht erst anders werden, damit innerer Frieden einziehen ist.
Santosha im Yoga Sutra

Im Yoga Sutra von Patañjali finden wir Santosha in Sutra 2.42:
„Santoshan anuttamah sukha labhah“ „Aus Zufriedenheit erwächst das höchste Glück.“
Dieses Sutra erinnert daran, dass Glück kein Ort ist, den wir erreichen müssen. Es entsteht dort, wo wir aufhören, gegen den Moment zu kämpfen. Santosha bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen, was ist. Aber es heißt, mit dem zu sein, was ist. Ohne ständigen inneren Widerstand. Ohne permanentes optimieren Müssen.
Zufriedenheit ist deshalb kein passiver Zustand, sondern eine bewusste innere Haltung: ein Loslassen des ständigen „Mehr“, „Anders“ oder „Besser“.
Santosha eingebettet in die Yogaphilosophie
Viveka – die Kraft der Unterscheidung
Viveka, die Fähigkeit zur klaren Unterscheidung, unterstützt Santosha auf feine Weise. Sie hilft uns zu erkennen: Was liegt wirklich in meiner Hand und was nicht?
Wenn wir aufhören, unser Glück an äußere Umstände zu binden, entsteht Raum für Zufriedenheit. Viveka lässt uns unterscheiden zwischen dem Wesentlichen und dem Vergänglichen. Genau darin wurzelt Santosha.
Karma Yoga & Prasāda Buddhi – Handeln ohne Anhaftung
Im Karma Yoga lernen wir zu handeln, ohne uns an das Ergebnis zu klammern. Prasāda Buddhi - die Haltung, alles, was uns begegnet, als Geschenk oder Lernimpuls zu empfangen - vertieft diese Praxis.
Ich tue mein Bestes. Und was daraus entsteht, darf so sein, wie es ist. Diese innere Haltung ist zutiefst mit Santosha verbunden. Zufriedenheit entsteht, wenn ich Frieden schließe mit dem Ergebnis - unabhängig davon, ob es meinen Erwartungen entspricht.
Verbindung zu Upeksha – Gleichmut kultivieren
Ein tiefer Aspekt von Santosha entfaltet sich in Verbindung mit Upekṣā (Gleichmut). Gleichmut bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern ein stilles, mitfühlendes Beobachten – frei von Anhaftung und Abneigung.
Santosha und Upeksha gehen Hand in Hand:
Santosha bringt die Akzeptanz dessen, was ist.
Upekṣā bringt die Weite und Ruhe, in der wir alles halten können, ohne uns darin zu verlieren.
Gerade wenn das Leben unvorhersehbar wird, wenn Emotionen hochkochen oder Pläne sich zerschlagen, hilft Upekṣā, nicht in Drama oder Widerstand zu verfallen. Santosha ist dann der nächste Schritt: der Frieden mit dem Moment.
Pratyāhāra – Rückzug der Sinne
Santosha wird leichter zugänglich, wenn wir nicht ständig im Außen nach Erfüllung suchen. Pratyahara, der Rückzug der Sinne, hilft uns, den Blick nach innen zu richten. Dort, wo weniger Vergleiche, weniger Reize, weniger Bewertungen sind, kann Zufriedenheit überhaupt erst spürbar werden.
Zufriedenheit im Buddhismus
Auch im Buddhismus finden wir ähnliche Gedanken, besonders in der Betrachtung der kostbaren menschlichen Wiedergeburt und der Vergänglichkeit (Impermanence).
Die kostbare menschliche Wiedergeburt erinnert uns daran, wie außergewöhnlich es ist, diesen menschlichen Körper zu haben – mit Bewusstsein, mit der Fähigkeit zur Reflexion, mit der Möglichkeit, den spirituellen Weg zu gehen. Wenn wir wirklich darüber nachdenken, entsteht oft eine tiefe Dankbarkeit. Wie kann ich da nicht zufrieden sein mit diesem Moment, mit diesem Atemzug?
Vergänglichkeit ist manchmal schmerzhaft zu betrachten – und gleichzeitig bringt sie uns immer wieder zurück in die Gegenwart. Alles verändert sich. Nichts bleibt. Weder das Schöne noch das Schwere. Und genau darin liegt der Schlüssel zur Zufriedenheit: Wenn ich aufhöre das Gut festhalten und das Schwere wegschieben zu wollen, beginnt etwas in mir frei zu werden.

Santosha im Alltag
Zufriedenheit ist nicht nur ein Ideal auf der Yogamatte – sie zeigt ihre wahre Kraft in den kleinen, herausfordernden Momenten des Alltags:
Wenn die Bahn zu spät kommt: Nutze ich die Zeit zum Atmen, statt mich zu ärgern?
Wenn meine To-do-Liste nicht abgearbeitet ist: Ich habe mein Bestes gegeben.
Wenn ich mich mit anderen vergleiche: Kann ich das Gute in meinem eigenen Leben sehen?
Wenn das Wetter nicht mitspielt: Kann ich es mir mit einem Tee auf der Couch gemütlich machen?
Wenn ich körperliche Einschränkungen erlebe und beginne, mich mit Mitgefühl und Akzeptanz darin zu halten.
In all diesen Situationen ist Santosha wie ein ruhiger innerer Ort, den wir aufsuchen können – unabhängig davon, was im Außen geschieht.
Santosha auf der Yogamatte
Auf der Matte wird Santosha unmittelbar erfahrbar: Zufriedenheit entsteht, wenn Dankbarkeit lauter wird als der innere Mangel. Lass die Praxis ein Ort sein, an dem nichts fehlt. Nicht tiefer, nicht perfekter, nicht schöner – sondern präsent mit dir. Die Haltung, der Atem, der Moment dürfen genau so sein, wie sie sind.
Auf der Yogamatte begegnen wir Santosha oft sehr ehrlich – und manchmal auch sehr herausfordernd. Denn hier zeigen sich Vergleich, Ehrgeiz und Selbstkritik oft besonders deutlich. Der Blick wandert zur Mattennachbarin. Oder zu dem Bild im Kopf, wie eine Haltung „eigentlich“ aussehen sollte. Oder zu dem, was wir auf Instagram gesehen haben. Oder zu der Yogalehrerin vorne, deren Körper scheinbar mühelos das ausdrückt, was wir selbst gerade nicht erreichen.
Santosha lädt uns hier zu einer ganz liebevollen Ehrlichkeit ein. Der Körper ist gut, so wie er ist – jetzt, in diesem Moment. Yoga ist nicht Leistung und auch keine ästhetische Disziplin. Die Erfahrung von Yoga wird nicht durch Beweglichkeit bestimmt, sondern durch Bewusstheit. Durch Atem. Durch Präsenz. Durch die Qualität unserer inneren Verbundenheit.
Wir erlangen nicht mehr Tiefe, Freiheit oder Angebundenheit, indem wir Haltungen vermeintlich „perfekter“ ausführen. Im Gegenteil: Oft verlieren wir genau das, was Yoga eigentlich ausmacht, wenn wir uns zu sehr an äußeren Formen orientieren.
Santosha auf der Matte bedeutet:
Ich übe nicht gegen meinen Körper, sondern mit ihm.
Ich respektiere meine Grenzen, ohne mich dafür zu kritisieren.
Ich erkenne an, dass jeder Körper eine andere Wahrheit ausdrückt.
Ich löse mich von der Idee, dass Yoga „besser“ wird, wenn es spektakulärer aussieht.
Die Matte wird so zu einem Ort des Heimkommens. Ein Ort, an dem nichts bewiesen werden muss. Ein Ort, an dem nichts fehlt.
Again: Zufriedenheit entsteht, wenn Dankbarkeit lauter wird als der innere Mangel. Wenn wir aufhören, uns zu vergleichen – und beginnen, wirklich zu spüren.
Der Weg mit Santosha

Santosha ist eine tägliche Praxis. Und wie in jeder Praxis gibt es Tage, an denen es schwerer fällt, mit dem Moment Frieden zu schließen – und andere, an denen es wie selbstverständlich gelingt.
Je öfter wir zurückkehren zu dieser inneren Haltung, desto klarer wird uns, dass Zufriedenheit ist kein Ziel, sondern eine Entscheidung. Ein liebevolles Ja zu uns selbst, zu unserem Weg, zum Leben.
Vielleicht ist das letztlich die tiefste Praxis von Yoga: mit dem, was ist, im Frieden zu sein – und darin das höchste Glück zu finden.
Reflexionsfragen für deine Praxis
Wofür bin ich in diesem Moment dankbar – genau hier, genau jetzt?
Wo kämpfe ich gegen das, was ist? Kann ich hier einen Moment Weichheit einladen?
Was brauche ich wirklich, um zufrieden zu sein – innerlich, nicht äußerlich?
Was zeigt mir die Vergänglichkeit über das, was wirklich zählt?
In welchen Situationen könnte mir Gleichmut helfen, gelassener zu bleiben?
Wie verändert sich mein Blick auf mein Leben, wenn ich mir die Kostbarkeit dieses Augenblicks bewusst mache?
Fazit – Santosha als gelebte Verbundenheit
Santosha zeigt sich nicht isoliert. Es ist kein einzelnes Konzept, das wir „üben“, sondern ein innerer Raum, der sich öffnet, wenn unsere Praxis ganzheitlich wird. Wenn Handeln, Haltung und Herz sich ausrichten. Wenn wir beginnen, Yoga nicht nur als Asanapraxis auf der Matte zu üben, sondern in allem was wir tun zu leben.
Und genau dort, jenseits von Technik, Form und äußeren Ergebnissen, beginnt sich etwas zu erinnern:
Wo Karma Yoga eine regelmäßige Praxis findet und Prasada Buddhi genährt wird, finden wir, wenn wir bewusst nach Innen lauschen, den Raum der Zufriedenhet in uns.
Ein Raum der wächst, wenn wir all die inneren Qualitäten hierhin einladen: das Unterscheidungsvermögen, Gleichmut, Mitgefühl, Mitfreude, Dankbarkeit, Güte, Disziplin, Hingabe, alle Yamas und Niyamas.....
Sie alle nähren Santosha – und Santosha nährt sie. Und so beginnen wir zu verstehen: alles ist mit allem verbunden. Alles fließt in dieselbe Quelle. Die Quelle in der wir höchste Glückseligkeit finden.
Yoga ist diese Verbundenheit. Yoga ist das Zurück zur Quelle.




